Psychologische und soziale Ressourcen bei Hundertjährigen

Prof. Dr. Daniela S. Jopp, Universität Lausanne

Im Zuge des demographischen Wandels leben die Menschen immer länger, und immer mehr von ihnen werden 100-jährig und älter. Im Jahr 2019 erreichte die Anzahl der über 100-Jährigen UN Angaben zufolge mit über 533 000 einen Höchststand. Die Schweiz gehört zu den Spitzenreitern in Sachen Langlebigkeit und beheimatete im letzten Jahr 1572 Personen im Alter von 100 Jahren und älter.

«Is 100 the new 60»?

In Zukunft wird die Zahl der sehr alten Personen weiter ansteigen: Demografen berechneten, dass jedes zweite nach dem Jahr 2000 geborene Kind grosse Chancen hat, seinen 100. Geburtstag zu erreichen. Umso wichtiger erscheint es, mehr über das Leben im Alter von 100 zu erfahren – kann ein solches Leben qualitätsvoll und lebenswert sein? Welche Eigenschaften der Person, welche Bedingungen von Umfeld und Umwelt können hierzu beitragen?

Eine zunehmende Anzahl von internationalen Hundertjährigen-Studien beschäftigen sich mit diesen Fragen. All diese Studien zeigen auf, dass Hundertjährige mit durchschnittlich 4 bis 5 chronischen Beschwerden alle mit Gesundheitsproblemen konfrontiert sind. Kognitive Einschränkungen bestehen bei ungefähr der Hälfte der Hundertjährigen, wobei allerdings der Anteil von Personen ohne beziehungsweise mit nur geringen Einschränkungen in den jüngeren Hundertjährigen-Jahrgängen zuzunehmen scheint. Leider sind Hundertjährige auch stark von sozialen Verlusten betroffen – die meisten haben ihren Ehepartner, manche auch bereits Kinder verloren, und leben mit dem Risiko der sozialen Isolation.

Psychologische und soziale Resilienzfaktoren

In starkem Kontrast zu den gesundheitlichen Einschränkungen und sozialen Verlusten der Hundertjährigen steht, dass eine grosse Mehrheit das Leben als positiv empfindet, wie beispielsweise die Heidelberger Hundertjährigen-Studien zeigten: Hundertjährige sind genauso glücklich wie Personen im mittlerem Alter. Beeindruckend ist auch, dass über 80% der Hundertjährigen zufrieden sind mit ihrem Leben. Anscheinend sind die Hundertjährigen sehr resilient: trotz aller gesundheitlichen und sozialen Verluste scheinen sie in der Lage zu sein, ihr Wohlbefinden aufrecht zu erhalten.

Hierbei helfen vor allem zwei Faktoren: psychologische Stärken und soziale Ressourcen. So waren Hundertjährige mit einer hohen Selbstwirksamkeit, einem ausgeprägten Lebenswillen und einem optimistischen Ausblick glücklicher. Hundertjährige mit einem stärkeren Lebenssinn waren seltener depressiv. Zudem trug die Anwesenheit von Sozialpartnern zum Wohlbefinden bei, wobei in den USA die Anzahl der Kinder, in Deutschland das Leben in einem gemeinsamen Haushalt von besonderer Bedeutung war. Gesundheitliche Faktoren spielten für die Lebenszufriedenheit keine Rolle, allerdings hatten Hundertjährige mit umfassenderen gesundheitlichen Einschränkungen ein höheres Risiko für depressive Symptome.

Wie lebt es sich mit 100 in der Schweiz?

Wie zufrieden Hundertjährige in der Schweiz sind und ob sie ihre Lebensqualität ebenfalls als hoch empfinden, ist bislang nicht bekannt. Allerdings wird diesen Fragen mit der neuen, vom Schweizerischen Nationalfonds finanzierten Studie «SWISS100» ab 2020 nachgegangen. Diese erste schweizweite Hundertjährigen-Studie, welche über 200 Personen im Alter von 100 befragen will, wird von den Universitäten Lausanne, Genf und Zürich sowie von der SUPSI (Fachhochschule Lugano) durchgeführt. Ziel der Studie ist eine umfassende Untersuchung von Vulnerabilität und Resilienz im Alter von 100, sowie eine Analyse der Bedeutung von psychologischen Stärken und sozialen Ressourcen für ein gutes Leben im sehr hohen Alter. Die Studienergebnisse dürften dazu dienen, die Gesellschaft besser auf die Lebensumstände und Bedürfnisse der Hochaltrigen und ihren Familien aufmerksam zu machen, und jüngere Generationen auf die Herausforderungen des hohen Alters besser vorzubereiten.


Bild: Pixabay

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