Kluge Alterspolitik braucht Pioniergeist

Dr. Antonia Jann, Age-Stiftung

Wer ein neues Ziel erreichen will, kann nicht auf vorgegebene Wege zählen. Es gilt, das Ziel im Auge zu behalten und den Weg explorativ unter die Füsse zu nehmen.

Die Age-Stiftung stand bei der Lancierung des Programm Socius quasi vor einer Reise in neues Gebiet. Wir wussten, dass es ein Problem gibt, aber wir wussten nicht, wie man zu Lösungen gelangt. Das "Problem" sind die Fragen, die sich aus der demographischen Änderung ergeben: Es hat mehr Menschen, die länger leben und ihre Bedürfnisse sind anderes als die von früheren Generationen. Diese Fragen werden zwar in den Medien und in der Politik diskutiert. Aber das Thema wird hauptsächlich unter dem Aspekt der Gesundheitsversorgung diskutiert.

Leider kommt das Gesundheitswesen, so wie es heute aufgestellt ist, bei älteren Menschen, die geschwächt sind von irreparablen sensorischen, körperlichen und sozialen Verlusten an seine Grenzen. Viele alte Menschen haben Glück und werden von ihren Angehörigen betreut. Aber was macht ein älterer Mensch ohne Angehörige, wenn er nach einem Sturz aus dem Spital entlassen wird? Oder schon vorher: Wer bringt den schweren Einkauf nach Hause? Wer bezieht das Bett neu und wer erklärt den Brief, der von der Hausverwaltung gekommen ist?

Das sind keine grossen Aufgaben, sie tangieren das Gesundheitssystem nicht. Aber sie tragen wesentlich dazu bei, dass jemand gut zu Hause leben kann. Und diese Hilfestellungen systematisch zu organisieren ist eine gesellschaftlich neue Aufgabe. Das Unterstützen von hochaltrigen Senioren in ihrer Selbstsorge ist neu und es gibt keine Rezepte, wie das genau umgesetzt werden muss.

Es lohnt sich, an diesem Thema zu arbeiten, denn ältere Menschen möchten, so lange es geht, aktiv dazu beitragen, ihr Leben so autonom wie möglich zu führen. Und wenn es nicht mehr geht, sollten sie auf freundliche Hilfe zählen können. Diese nicht-medizinische Hilfe und Unterstützung übernehmen heute hauptsächlich Angehörige und Freunde. Damit die Kultur der Solidarität gestärkt wird und die Betreuenden in ihrer Aufgabe nicht allein gelassen werden, braucht es Strukturen. Alterspolitik muss mehr umfassen als die Planung von ambulanter und stationärer Pflege.

Mit dem Programm Socius I haben wir ein erstes Mal eine Expedition in unbekanntes Gelände gemacht. 10 Projekte haben teilgenommen und ausprobiert, wie es gelingen kann, die Alterspolitik umfassender zu gestalten.

Auf der Webseite programmsocius.ch findet man einen eindrücklichen Kurzfilm (5’) der zeigt, was das Ziel des Programms ist. Der Film ist frei zugänglich und eignet sich für den Einstieg in Diskussionen indem er eine gemeinsame Gesprächsgrundlage schafft. Die zehn Projekte, die am Programm teilgenommen haben, sind auf programmsocius.ch dokumentiert. Zu jedem Projekt gibt es einen kurzen Videoclip, der Einblick gibt in die Aktivitäten vor Ort.

Ebenfalls auf der Webseite sind Themenblätter und Checklisten zu finden. Sie wurden von den Teilnehmenden in Zusammenarbeit mit Fachleuten entwickelt zu Fragestellungen, die sich in der Praxis gezeigt hatten.

Dass wir nicht alleine unterwegs sind, zeigt der umfassende Recherchebericht von Prof. Dr. Ulrich Otto und seinem Team. Das Dokument listet Aktivitäten auf den verschiedenen politischen Ebenen auf.

Die Age-Stiftung plant eine neue Expedition: Socius II richtet sich explizit an Gemeinden. Momentan läuft der Auswahlprozess, im Frühjahr 2020 geht’s los.

Foto: Age-Stiftung, Ursula Meisser

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